Frische-Garantie Sicher gekühlt Sendungsverfolgung

Digital auf Krabbenfang

Nordseekrabben, frisch aus dem Wattenmeer bei Dorum. Hauke Bremer verkauft sie direkt ab Werk – geschält und gekocht, pur, mit Schale oder als „Oma-Salat“ mit Mayonnaise, Tomate und Ei. Wer nicht extra in den Bremerhavener Fischereihafen oder an die Küste fahren will, bekommt die Krustentiere von der Krabben-Bremer GmbH jetzt auch übers Internet, beim regionalen Online-Marktplatz Pielers. Das digitale Start-up-Unternehmen ist vor einem Jahr online gegangen.

Krabbenfang und Krabbenhandel sind ein empfindliches Saisongeschäft. Das weiß Hauke Bremer nur zu gut. Sein Großvater hat das Unternehmen einst gegründet. Die Preise für die Krustentiere schwanken und liegen auf eher gehobenem Niveau. Es gibt hohe Anforderungen an die Frischhaltung. Bei Pielers gehört Krabben-Bremer zu den Anbietern der ersten Stunde. „Wir sind auf den Zug aufgesprungen, weil ich gut fand, dass man als Kunde 24 Stunden frische Ware einkaufen kann,“ sagt Hauke Bremer. „Die Produkte kommen frisch vom Erzeuger, wie auf dem Wochenmarkt.“ Die digitale Plattform entwickelt hat Julia Köhn. Die promovierte Volkswirtin hat sich schon immer daran gestoßen, dass viel regional produzierte Ware ins Ausland geht, ohne dass die hiesigen Verbraucher die Chance bekommen, sie zu kaufen: „Drumherum werden tolle Sachen produziert und im Regal liegt das Fleisch aus Tschechien – zum gleichen Preis!“ Sie selbst ist in Bremerhaven geboren und engagiert sich bei den Wirtschaftsjunioren der Seestadt.

„Piel“ heißt im Plattdeutschen „direkt“. Pielers ist aber nicht nur die naheliegende Idee, gute Produkte aus der Region im Direktvertrieb an die Verbraucher zu bringen. Dahinter steckt auch wissenschaftliche Forschung. Mit einem EXIST-Stipendium hat Julia Köhn mit Unterstützung der Hochschule Bremerhaven Online-Handel weitergedacht: Er sollte regional und dennoch übertragbar auf andere Regionen sein, mit einer Vertriebslogistik, die eine gute ökologische Bilanz hinterlässt.

Hierbei stieß die Unternehmerin auf die erste Hürde: Keiner der großen Logistikanbieter passte zu Pielers hohen Anforderungen in Sachen CO2-Bilanz. Schließlich fand sich ein Bremerhavener Unternehmen, das sein dichtes Vertriebsnetz mit den Fahrten für Pielers kombinieren konnte und inzwischen auch die Kommissionierung übernimmt. Die zweite Herausforderung: „Ein nachhaltiges Verpackungssystem zu finden, das Produkte kühl hält und mit dem man keine ökologische Sünde begeht“, so Köhn. Pielers verwendet nun recyclingfähige Umverpackungen eines Bremerhavener Herstellers statt billiger Plastikverpackungen aus Asien.

Indem Pielers nicht nur ein Shop-System inklusive Hilfe bei der Bestellabwicklung, Bezahlung und Abrechnung anbietet, sondern über das Vertriebsnetz auch die Lieferung frischer Waren ermöglicht, erschließt es regionalen Erzeugern und Händlern weitere Kundenschichten. Abnehmer sind neben Privatpersonen auch Gastronomen, Gemeinden und Kindertagesstätten in Bremen, Bremerhaven und um zu, rund 300 Kunden. Nach anfangs 11 Anbietern bestücken nun 45 Betriebe das Pielers-Sortiment mit Obst und Gemüse, Molkereiprodukten, Fisch und Fleisch, aber auch Fruchtaufstrichen, Kaffee, Pasta und Gewürzen.

Obwohl für Hauke Bremer das Online-Geschäft nichts Neues ist, wollte er bei Pielers von Anfang an dabei sein. „Falls es mal so groß wird wie Amazon“, sagt er ein wenig scherzhaft. Über seinen eigenen Internet-Shop verkauft er an Gastwirte und Fischhändler in ganz Deutschland. Nicht nur Krabben, sondern auch Fisch und Fischdelikatessen, um den Kunden eine größere Auswahl anzubieten. Pielers macht nach seinen Angaben gerade erst ein Zehntel des Online-Umsatzes aus.

„Wir sehen uns ganz klar als Ergänzung zum klassischen Handel, zum Online-Versand oder zum Hofladen“, sagt Pielers-Entwicklerin Julia Köhn. Jeder Erzeuger oder regionale Fachhändler kann ohne Fixkosten ein Konto einrichten, den Preis seiner Produkte bestimmen und diese online stellen. „Wir haben erst Kosten, wenn jemand kauft“, sagt Hauke Bremer. Pielers erhält eine Provision von 10 bis 25 Prozent vom Umsatz. Das ergibt laut Julia Köhn für die regionalen Händler eine Gewinnspanne, die im Vertrieb über Supermärkte kaum noch zu erzielen ist.

Ob sich Pielers für den Krabben- und Fischverkauf langfristig bewährt, muss Hauke Bremer noch abwarten. Erst einmal muss das Vertrauen bei den Käufern wachsen: „Fisch ist ein Produkt, das man sehen will.“ Bislang hätten sich die Online-Käufer aber als „gute Kunden“ gezeigt, die immer wieder kämen.

Julia Köhn hat ihr Start-up-Konzept darauf ausgelegt, dass es auch anderswo zum Einsatz kommen kann. Mittlerweile, so sagt sie, gibt es Anfragen aus verschiedenen Regionen Deutschlands: „Wir wollen unser Know-how als Technologieanbieter weitergeben.” Wie das genau gehen soll, muss erst noch entwickelt werden. Vermutlich wird es ein Lizenzmodell für regionale Partner geben.

Demnächst wird Pielers einen deutschlandweiten Vertrieb anbieten. Den gibt es erstmal für Produkte wie Fleisch und Fisch, die sich gut verschicken lassen. Damit könnte sich Hauke Bremers großer Wunsch erfüllen: dass endlich auch die Bayern ein frisches Krabbenbrötchen zur Maß Bier essen!

Autor: Annekathrin Gut, Bilder: Antje Schimanke

Artikel ist erschienen in der wirtschaft in Bremen und Bremerhaven, Ausgabe 10.2017

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