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Rückblick Grüne Woche: Zwischen Bullerbü und Tierfabrik

Unser PIELERS Team war auf der Grünen Woche dabei, um ein Zeichen für die Agrarwende zu setzen. Unsere Gründerin Dr. Julia Köhn haben wir heute für Euch zum Interview geladen, um einen Einblick in unsere Arbeit zu geben und Euch Julias Eindrücke von der Grünen Woche mitzuteilen.

Kurzinfo zur Grünen Woche

Die Internationale Grüne Woche findet jährlich im Januar in Berlin statt und gilt als globale Leitmesse für Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau. Rund 400.000 Messe- und Kongressbesucher konnte die Grüne Woche in diesem Jahr verzeichnen. Hauptthemen waren die Digitalisierung der Landwirtschaft, der Brexit und die europäische Agrarpolitik, die Diskussionen um "Tierwohl" und "Lebensmittelkennzeichnung", die Qualität, Sicherheit und Produktionsbedingungen unserer Nahrungsmittel sowie die Sicherung der Welternährung bei einer stetig steigenden Bevölkerung. Produzenten und Handel tauschten sich über Fragen der Liefer- und Wertschöpfungskette aus.

Julia, Du bist frisch und munter aus Berlin zurück und einige ereignisreiche Tage liegen hinter Dir. Was war wichtig auf der Grünen Woche? Wie war die Stimmung?

Die Grüne Woche hatte für mich zwei große Themen mit zwei unterschiedlichen Emotionalitäten. Das eine war „Precision Farming“, insbesondere für die Fachbesucher interessant, da ging es darum, wie man die Chancen der Digitalisierung für eine effizientere Ressourcennutzung einsetzen kann. Auf der anderen Seite hatten wir eine unheimlich breite Diskussion darüber, was Lebensmittel eigentlich wert sind und wie man Lebensmittelerzeugern Wertschätzung entgegenbringt. Außerdem habe ich die Stimmung insbesondere zwischen den Vertretern der Landwirtschaft und den Verbrauchern als recht aufgeheizt und hoch emotionalisiert wahrgenommen.

Neben den Messeveranstaltungen finden im Rahmen der Grünen Woche auch viele Konferenzen zusammen mit Politik und Fachverbänden statt. Du warst auf dem Farm & Food Congress am 21. Januar auf dem Podium dabei. Um welches Thema ging es?

Auf dem Podium ging es um die Nutzung von Plattformen und Daten für eine optimierte Lebensmittelversorgung. Das fing an bei den Maschinenherstellern, für landwirtschaftliche Maschinen z. B. war die Firma Claas dabei, die sagte: „Wir brauchen auf dem Schlepper bei der Ausbringung des Saatgutes schon die Informationen darüber, wie nachher die Nachfrage sein wird. Wir können auf dem Acker messen, wie gut nachher das Produkt sein wird, was aus diesem Stück Samen mal erwachsen kann.“ Dann geht das Ganze weiter über die Lebensmittel-Verarbeiter - da war der Deutschland-Chef von Arla food anwesend, das ist der größte Milchproduzent Europas, der auch sagte: „Wir brauchen viel mehr Transparenz. Durch die Nutzung von Daten aus den Kuhställen, aber auch qualitative Messung der Milch und der Milchprodukte können wir den Kunden den Zusatznutzen durch Transparenz deutlich machen. Eine Kollegin von der Technischen Universität Berlin und ich waren uns einig, dass man diese Daten eigentlich alle schon hat und dass - wenn wir alle mit offenen Datenschnittstellen arbeiten würden- genau diese Transparenz heute schon möglich wäre.

Julia Klöckner, die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft war Keynote Speaker auf dem Kongress und sprach darüber, wie das BMEL die Digitalisierung der Landwirtschaft fördert. Am Rande der Grünen Woche gab es gemischtes Feedback zu ihrer Arbeit. Welchen Eindruck hattest Du?

Ich habe den Eindruck, dass sie gerade bei den Landwirten und Funktionären den richtigen Ton trifft. Sie wird verstanden und schafft es, die Wünsche der Verbraucher in eine Sprache zu fassen, die von beiden Seiten verstanden wird. Dabei geht natürlich das eine oder andere an Schärfe verloren und sie dafür zu kritisieren, kann ich nachvollziehen. Ich glaube aber, dass Politik immer auch ein Abwägen zwischen Meinungen ist und die sind eben vielfältig. Wenn eine vielfältige Meinung erstmal durch den politischen Prozess durch ist, sind da einige Ecken und Kanten abgeschliffen und so scheint es mir auch bei ihr zu sein. Sie ist nicht besonders kantig, aber sie spricht über die Themen, die momentan im Raum stehen und versucht ein Katalysator zu sein, um diese voranzubringen. Eine Sache, die mir persönlich besonders am Herzen liegt, ist der Ausbau der digitalen Infrastruktur im ländlichen Raum. Der ist für den Wirtschaftsfaktor Landwirtschaft wahnsinnig wichtig, aber auch für lebenswerte Räume auf dem Land. Wir sehen alle, in den Städten explodieren die Preise und viele Menschen wollen eigentlich gar nicht in der Stadt leben, müssen es aber, weil es schlichtweg keine digitale Infrastruktur auf dem Land gibt. Da hat sie für mich sehr, sehr deutliche Worte gewählt: „Selbst wenn in einer Region nicht viele Menschen leben, haben sie ein Recht auf digitale Infrastruktur. Nur so können sie teilhaben.“

Was hat Dir auf der Grünen Woche gefehlt?

Mir hat einiges an Forschung und „Tacheles reden“ gegenüber dem Verbraucher gefehlt. Ich glaube, wir müssen den Verbrauchern die Wahrheit über unsere Lebensmittel und auch über die Realität von Landwirten zutrauen und wir müssen zeigen, wie billig Lebensmittel produziert werden müssen, damit sie eben für Minimalpreise im Supermarkt angeboten werden können. Mir ist durchaus bewusst, dass es Teile der Bevölkerung gibt, die sich teureres Essen nicht leisten können, es ist aber den politischen Entscheidern oft gar nicht klar, was für negative Effekte dieses billige Essen hat. Da geht es um so Dinge, wie den wahren Preis eines Lebensmittels. Wenn ich ein Hähnchen in einem Mastbetrieb für 90 Cent 45 Tage lang aufstalle, dann hat das einen erheblichen Einfluss auf das Tierwohl und auf das Wohl des Menschen, der dieses Tier nachher isst. Dieses Tier hat kaum Nährstoffe erhalten und ist womöglich auch stärker durch Medikamente belastet, hat Stress gehabt, Emissionen produziert und so weiter… das heißt, das Hähnchen kostet in Wirklichkeit nicht 90 Cent. Wenn ich mir die ganzen negativen Effekte anschaue, die es in der Gesellschaft und auch im menschlichen Körper auslöst, kostet es wahrscheinlich 10 € und ist damit teurer als jedes Bio-Hähnchen. Das ist die Diskussion, die sich bislang noch keiner getraut hat, anzufangen.

Letzte Frage: Was konntest Du für PIELERS mitnehmen?

PIELERS ist ein Konzept, was die Klammer um verschiedene Themen schließen kann. Wir schaffen es, eine Vernetzung von „Precision Farming“ hin zu einem aufgeklärten Verbraucher zu machen, wenn wir unsere Hausaufgaben machen und wenn wir unser Produkt kontinuierlich verbessern. Ich glaube, dass eine Plattform wie PIELERS es schaffen kann, moderne landwirtschaftliche Produktion auch in die Lebenswirklichkeit von Menschen zu bringen und die Kluft zwischen „Bullerbü“ und der „Tierfabrik“ wieder zu schließen.


Interview zwischen Lea Zerbst und Dr. Julia Köhn, aufgezeichnet am 30.01.2019

Weiterführend zum Thema „Landwirtschaft der Zukunft“ haben wir einen Buchtipp für Euch: „Zwischen Bullerbü und Tierfabrik“ von Andreas Möller, erschienen im Gütersloher Verlagshaus (24. September 2018). Hier geht’s zum Buch auf amazon.de


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